34.475 Gründe

Die erste Frage, die mir in Sinn kam war „wie sag ich’s nur meinen Eltern?“, die zweite: „und, merk ich schon was?“ Was war passiert? Nun, vor einigen Tagen kam die Email mit dem Absender ‚Mitgliederverwaltung Piratenpartei‘. Die Bearbeitungszeit lag bei rund 4 Wochen, und das ist, was man so hört, immer noch ein moderater Wert in diesen Tagen. Die Frage, ob ein Journalist sich mit einer Sache (z.B. einer Partei) gemein machen solle, selbst wenn es eine gute sei, wird in bestimmten Kreisen traditionell ja eher verneint. Vielleicht gilt diese strenge Regel aber auch nur für exponierte Nachrichtenmoderatoren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Egal, ich hatte mir eigentlich nie vorstellen können in einer Partei aktiv zu sein.

Angefangen hat alles damit, dass ich zur Europawahl 2009 die Piraten erstmals so richtig auf dem Schirm hatte. Eine Partei, die zu diesem Zeitpunkt nur aus einer Handvoll Nerds und Internetverbesserern bestand, einen etwas merkwürdigen Namen trug und sich anscheinend vorgenommen hatte, die Freiheit aller Menschen im Internet zu verteidigen, konnte nur grandios scheitern oder der Beginn von etwas sehr interessantem sein. Keine große Sache also, kann man ja mal wählen. In Berlin erreichten sie so immerhin 1,4%. Ein erstes Lebenszeichen.

Zwei Jahre später dann im Herbst 2011, hatte ich die Gelegenheit für ein neues Web-Portal einen Beitrag über die Piraten zu drehen. Die Landtagswahl in Berlin stand an, die Piraten waren mittlerweile ein „Phänomen“ und damit eine echte Option. 15 Piraten zogen schließlich ins Berliner Abgeordnetenhaus ein, die Medien des Landes drehten kollektiv durch und jeder fragte sich, wie ist das möglich?

Kurzer Zeitsprung: Im April twitterte Frank Schirrmacher eine interessante Beobachtung über die Ansteckungsgefahr der Piraten. Wie wahr. In meinem Fall betrug die Inkubationszeit rund sieben Monate. Warum so lang? Ich wollte mir erst mal in Ruhe anschauen, was für Leute das eigentlich sind, die sich da an der Basis zu schaffen machen. Ich habe viel im Netz über sie gelesen und irgendwann ein Crew in meiner Nähe gesucht. Gefunden habe ich die #Urbanauten. Und siehe da, alle sehr nett, alle ziemlich verschieden, jeder und jede mit individuellen Motiven, aber alle vereint im Willen wieder mehr Einfluss im demokratischen Prozess auszuüben.

Die Piraten sind Teil einer gesellschaftlichen Strömung, die beschlossen hat Veränderungen in Form einer Partei in die Parlamente und somit auch in die Gesellschaft zu tragen. Zwei Kernforderungen stehen dabei im Vordergrund: Basisdemokratie und Transparenz. Man mag die Begriffe vielleicht schon nicht mehr hören, so sehr wurden sie in den letzten Monaten im medialen Dauerfeuer der Berichterstattung strapaziert. Aber anscheinend haben wir es hier mit Eigenschaften zu tun, die die anderen Parteien seit Jahrzehnten sträflich missachtet haben. Selber schuld, kann man da nur sagen. Hinzu kommt noch ein Freiheitsbegriff bei den Piraten, der auf den ersten Blick niemanden wehtut, weil er einer breiten Schicht eine Befreiung von sozialen und ökonomischen Druck in Aussicht stellt (z.B. durch Einführung des BGE, flächendeckende Mindestlöhne). Die Diskussion darüber, wie so etwas in unserer Gesellschaft organisiert werden kann, werden wir führen müssen. Darüber hinaus erhoffe ich mir aber auch weitere Impulse in konkreten Fragen der Netzpolitik: Wie kann man eine Vorratsdatenspeicherung verhindern, wie sichert man man auch in Zukunft die Prinzipien der Netzneutralität und wehrt sich gegen Zensur? Wie reformieren wir ein Urheberrecht und passen es den heutigen Realitäten an? Wie werden wir in Zukunft Künstlern und Kreativen ein faires Auskommen ermöglichen, denn natürlich müssen auch Künstler und Urheber von ihrer Arbeit leben können. All das sind Themen, die mich interessieren und wo ich mir irgendwann auch eine konkrete Programmatik wünsche, die nicht nur Spezialisten verstehen, sondern im besten Fall auch meine Eltern.

Basisdemokratie ist sicher etwas gutes, aber Politik lebt auch vom Vertrauen in Personen. Das heißt, Piraten, die in Live-Interviews sich erst jede Antwort per Twitter oder Liquid Feedback von der Basis abnicken lassen müssen, laufen irgendwann Gefahr, dass die Menschen sie nicht mehr ernst nehmen, ganz einfach, weil sie nicht wissen wofür diese Personen stehen. Es gibt viele neuralgische Punkte bei den Piraten und ihrer Art Politik zu machen. Trotzdem werte ich die Chancen besser ein als die Risiken. Und deswegen bin ich letztlich selber Pirat geworden. Andere Mitglieder haben andere Gründe. Ich bin gespannt wie sich die Partei weiter entwickelt.

Um dem Transparenzgebot auch in diesem Artikel gerecht zu werden, hier eine kleine Beichte: Ich habe auf einer feuchtfröhlichen Wahlkampfkneipentour von ‚Die Partei‘ im September letzten Jahres irgendwann und bereits ziemlich willenlos einen Mitgliedsantrag auf dem Rücken von Martin Sonneborn ausgefüllt und unterschrieben. Glücklicherweise erlauben die Piraten aber auch mehrfache Parteimitgliedschaften. Andererseits, ich warte immer noch auf die entsprechende Post…

Meine Mitgliedsnummer bei den Piraten ist die 34.475 (Funfact: Quersumme ist 23. #ilike)

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