Die Sache mit Johann Holtrop

„Holtrop saß konzentriert und böse hinter seinem Schreibtisch. Er hatte auf seinem Weg nach oben nicht wenige Weggefährten am Rand stehen gelassen, so manchen hatte er im Vorbeigehen wegstoßen müssen und genügend viele gegen deren Widerstand auch brutal und eigenhändig in den Abgrund, an dem der gemeinsame Weg nach oben entlangführte, hinuntergestoßen.“

Der ganze Apparat der Inszenierung krankt natürlich etwas an der Intellektualität, die sich der Autor erst selbst und schließlich seinem Werk attestiert: Manager-Poetik für die Business Class auf dem Weg nach unten. Im Mittelpunkt steht ein kaputter Typ in einer kaputten Welt: Johann Holtrop. Seine Geschichte vom Aufstieg und Fall als Vorstandsvorsitzenden der Assperg AG, einem weltweiten Medienkonzern, erzählt der Roman und hier im großen Saal des Deutschen Theaters Berlin findet die erste öffentliche Lesung statt.

Bevor der Autor dem Publikum, darunter eine Vielzahl gefühlter Literatur-Stipendiaten, Verlags-People und Feuilleton-Nerds, einen Auszug aus seinem Werk entgegen schleudern kann, muss aber erst einmal standesgemäß begrüßt werden. Kein Hauptact ohne Vorgruppe und heute sind es gleich zwei. Zuerst die aufrichtige und herzliche Freude des Hausherren, dem Intendanten. Dann, und hier kommt der Apparat zum ersten Mal ein wenig ins Schleudern, die unvermeidliche Verlegerwitwe. Sie arbeitet sich emsig an Kontinuitäten und Spezifika der Dramentheorie ab, ist in weniger als 2 Minuten bei der Attischen Tragödie, so gleich wieder bei bei Schiller, der ja ebenfalls ausgebildeter Arzt gewesen sei und spoilert mittendrin den Holtrop, dass es einem ein wenig den Atem verschlägt. Nein, sie verbreitet mit ihrem Vortrag keine „Barschel-Stimmung“, aber zumindest große Lust die Kopfhörer einzustöpseln um das Intro mit dem TripHop der dunklen Nullerjahre zu überbrücken.

Dann aber. Der bislang unsichtbare Rainald Goetz springt aus seiner Loge auf die Bühne, drahtig, flirrend, sichtlich selbst gespannt auf das, was nun kommt. Die vorhersehbare Unvorhersehbarkeit entlädt sich bereits nach drei Minuten. Mitten in einer Textpassage springt Goetz abermals auf und erklärt das weitere Verfahren. Statt reiner Lesung nun doch auch spezielle Erläuterung in vier Teilen: 1. Figuren & Menschen, 2. Firma, 3. Narration, 4. Resonanz. Dazwischen immer wieder Textproben. 55 Minuten, die Zeit läuft. In bester Artikulation, gehetzt, erregt, innehaltend, armrudernd, ganz Goetz, bespielt er problemlos das volle Haus.

So ernst die Geschichte, es darf auch gelacht werden über die Figur des Johann Holtrops, über seine Eitelkeit und Arroganz, über seine Kaputtheit und die Verstrickungen, die böse enden werden. An der Kälte, die von den Figuren ausgeht, wärmen wir unsere Wut. Da ist einer, der nicht einfach davonkommt, ein Manager mit schicksalhaftem Verfallsdatum. Das Publikum an diesem Abend ist dankbar und applaudiert anhaltend.

[www.johannholtrop.de]

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