Die Sache mit Marc Fischer

„Du musst Deine Routine ändern. Es ist schon kurz vor 10 Uhr und heiß“, sagt der Wecker. „Ich bin dabei, keine Einwände“, sagt mein frisch gewaschenes Lieblings T-Shirt. „Nun denn“, sage ich und springe ins Bad. Ein heißer Sonntag kündigt sich an und ich bin in Entdeckerlaune. Mein Ziel für diesen Tag soll der Prenzlauer Berg werden. Zugegeben, es gibt riskantere und exotischere Ausflugsziele in Berlin, aber schließlich war ich schon lange nicht mehr tagsüber dort. Und außerdem befürchte ich insgeheim meinen Elan zu überschätzen. Schnell texte ich noch einem Freund, dass ich demnächst in seinem Wohnradius auftauchen werde. Vielleicht können wir ja gemeinsam wieder ein Stück Kuchen in der Schweizer Restauration auf dem Gipfel des Volkspark am Weinberg essen. Beim letzten Mal saß am Nachbartisch Til Schweiger und verhandelte wahrscheinlich gerade ein neues Projekt oder war es Tom Tykwer?

Ich verlasse also kurz vor Mittag meine Kreuzberger Wohnung und fahre mit der U-Bahn zum Rosenthaler Platz. 12 Stationen und zweimal umsteigen und schon bin ich von einem Berg zum anderen gewechselt. Die große Kreuzung an der Torstraße sieht aus wie immer. Ich versuche mir einzureden, dass die Menschen auf der Straße an ihrem Outfit als Prenzlberger sofort zu erkennen sind. Ergebnis uneindeutig. Die Zahl der Plastesonnenbrillen und Vollbärte bei den Männern und der knappen Jeans-shorts bei den Frauen, entspricht wahrscheinlich exakt dem Durchschnittswert wie man ihn auch im Görlitzer Park antreffen würde.

In einem dieser unsäglichen Selbstbedienungsbäckereisimulationen erwerbe ich einen Frischkäsebagel. In Kreuzberg würde ich so etwas nicht tun. Aber hier bin ich Gast. Ich möchte nicht auffallen. Die Entscheidung zu dieser Art von Frühstück macht mir Mut, denn sie verstärkt das Gefühl von „Minimal-Urlaub“. Außerdem erinnern mich Frischkäsebagel immer an einen Sommer in New York. Ohne Bagel ging dort gar nichts. Die Brunnenstraße entlang nähere ich mich dem Weinbergpark. Von weitem schon sind die Sonnenanbeter zu erkennen. In höflichem Abstand dazu sitzen die Trinker. Sie sind ebenfalls bester Laune, verzehren warmes Bier und trüben Wein aus Tertrapacks. Drei Liter Flüssigkeit soll der Mensch täglich zu sich nehmen. Wenn es besonders heiß ist, dann auch gerne fünf. Hier wird noch nach alter Daumenregel gebruncht.

Ich laufe den asphaltierten Weg entlang um ein schönen, schattigen Platz zu finden. Auf einer Bank lasse ich mich nieder. Mein Freund hat sich noch nicht gemeldet. Das ist nicht weiter schlimm, denn ich bin nicht wirklich allein unterwegs. Die gesammelten Reportagen von Marc Fischer begleiten mich. Mit ihm zusammen treffe ich Kate Moss in einem Pariser Hotel zum Interview, wir erleben Michael Jackson auf seinem Konzert der Bad-Tour 1988 in Hamburg, wir lachen uns schlapp über David Lynchs obskure Begeisterung für Transzendentale Meditation und er macht mir Lust auf LSD-Wandern im Burgenland.

Die Sammlung „Die Sache mit dem Ich“ erschien dieses Jahr im KiWi-Paperback und enthält Fischers Texte und Reportagen, die zwischen 1995 und 2011 bei allen Zeitungen und Magazinen erschienen sind, die man als „Mietreporter“ für besondere popkulturelle Angelegenheiten eben so bedienen sollte, u.a. Tempo, Neon, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Dummy, Vice, Park Avenue. Daneben schrieb er auch einige Romane. Zu meiner kleinen Schande muss ich gestehen, dass mir der Name Marc Fischer bis vor kurzem nicht wirklich etwas sagte. Durch einen Artikel beim Technoarm über den „Gorilla“ / Türsteher vom Berghain wurde ich neugierig.

Einige seiner Reportagen rufen bei mir vage Erinnerungen wach. Ganz so unbekannt ist mir der Autor anscheinend doch nicht. In jedem Fall ist er für viele, besonders für Leser seiner Generation (also zwischen Jahrgang 1970 und 1980) ein wahrer Schatz. Marc Fischer ist rumgekommen. Was ist der Reportage-Auftrag und wie kann er erfüllt werden? Die Antworten darauf haben in der Konsequenz mit klassischen Journalisten-Reportagen oft nur wenig zu tun, eher erinnern sie an die Gonzo-Texte eines Hunter S. Thompson.

Nur eine Parkbank von mir entfernt sitzt eine große, schmächtige Frau mit fast demselben Sonnenhütchen, das auch Marc Fischer auf der Rückseite der Kiwi-Asugabe trägt. 45 Minuten lang tut sie nichts. Keine Zeitung, kein Buch, kein Tippen auf dem Handy. Nur ein ruhiges, völlig stoisches Schauen in die immer gleiche Richtung. Ob sie meditiert, vielleicht sogar auf transzendentale Art und Weise? Menschen die über längere Zeit absolut gar nichts tun außer atmen und schauen sind mir oft unheimlich. Ich verlasse also den Park und begebe mich Richtung Zionskirchplatz. Ich bin selten hier, einige Bars und Restaurants kommen mir bekannt vor und ich versuche einige Namen im Gedächtnis zu rekonstruieren. Vergeblich.

Nach kurzem Disput mir mir selbst entscheide ich mich gegen die Variante Richtung überfüllter Mauerpark abzubiegen und laufe stattdessen die Kastanienallee hinunter. Menschen aus allen Teilen der Erde, aber vor allem aus den USA und Italien und Spanien sitzen in den Cafes und Restaurants, einige von ihnen in dunkel karierten Baumwollhemden so als hätte es Grunge noch nicht gegeben. Ich könnte der Kobalt-Redaktion von Chic und Tracks vielleicht einen Tipp geben, dass sich hier mal wieder ein neuer Retrotrend abzeichnet, oder sind das schon die übrig gebliebenen?

Im Prater Biergarten glaube ich für einen Moment Rainald Goetz am Nebentisch zu entdecken. Wohl genährt mit etwas mehr Gesichtsfülle als zuletzt. Ich könnte ihn um ein Autogramm bitten, habe aber gerade keine Rasierklinge zur Hand. Er ist es nicht. Ein Glück. Ich mag kein Blut. Wieder lasse ich mich von Marc entführen. Wir sind mittlerweile per Du. Sein Text „Wovon wir reden, wenn wir vom Rauchen reden“ beschreibt Silbe für Silbe warum der unvernünftig rauchende Mensch auf dem Altar der Moderne geopfert wird, aber wir dadurch am Ende des Tages vielleicht nur einsamer, wenn auch gesünder werden. Die „schädlichste Schnappsidee des Menschen“, sie ist auch ein Symbol der „Nichteffektivität“. Fast vergangen und zu Recht betrauert.

In der Danziger Straße fragt mich ein Touristen-Paar nach dem Mauerpark und läuft trotz meiner korrekten Auskunft in die falsche Richtung. Ich selbst schlage mich durch den Hinterausgang der Kulturbrauerei in Richtung Schönhauser Allee. Immer dem Fernsehturm entgegen. Der Turm leuchtet den Weg. So lange Berlin steht, wird das so sein. Am Pfefferberg, entscheide ich mich spontan für einen Besuch im BMW-Guggenheim-Lab. Was in Kreuzberg nicht möglich war, hat sich hier in einem Innenhof völlig unspektakulär eingerichtet. Beim Anblick der Menschen und dem Gewusel unter der Dachkonstruktion kommt mir die ritualisierte Empörungswelle aus dem Frühling gerade etwas übertrieben vor. Wurden damals schon die Hornbrillenmodelle und sensiblen Pollundertypen antizipiert? Also genau diejenigen, die sonst am Wochenende die Bars und Clubs rund um das Kottbusser Tor fluten? Der Protest gegen eine McDonalds Filiale im Einzugsbereich einer Schule wirkte schon merkwürdig bemüht. Genutzt hat er nichts. Oh, Kreuzberg where art thou?

Ich habe Glück. Gerade formiert sich ein neues Panel zum Thema „Was ist schön?“. Als erstes hält ein Psychologie Professor einen Vortrag. Später sollen noch ein Kulturwissenschaftler und Designer ergänzen. Der Professor macht gleich zu Beginn einen Schlenker ins Biologistische und gibt Geheimtipps bei der biologisch optimierten Partnerwahl. Tatsächlich gäbe es sowohl für Männer als auch für Frauen konkrete Merkmale, die in der auf Fortpflanzung bedachten Partnerwahl eine wichtige Rolle spielen. Bei Frauen sei dies der so genannte „Hüft-Taille-Index“ (0,6 – 0,8 sind hier die entscheidenden Werte) und bei Männern die „flukturierende Asymmetrie“, ein Wert, der sich aus einem halben Dutzend neuralgischer Punkte am männlichen Körper ergibt. „Das haben sie natürlich noch nie gehört, aber ich verrate es ihnen und es ist ja auch in vielen Studien bestätigt“. Unter den Zuhörern sitzt auch der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann aus Berlin. Permanent macht er sich Notizen. WIESO JETZT? frage ich mich. Bevor der Vortrag aber zum eigentlichen Thema, die Ästhetik des modernen Städtbaus, vodringt, verlasse ich die Veranstaltung. Unwetter zieht auf. Ich laufe die Schönhauser weiter bis zum Rosa-Luxemburg-Platz und besteige wieder die U-Bahn. Auf dem Weg nach Süden werde ich Opfer des temporären Pendelverkehrs der U6 und fahre gegen meinen Willen zweimal in die falsche Richtung. So etwas passiert sonst nur Touristen und Volldebilen, aber doch nicht mir. Ich schäme mich etwas und verfluche die Unfähigkeit der BVG. In den Abteilen vermesse ich heimlich die Hüft-Taille-Indexe einiger Frauen. Der Professor vorhin hat es leider versäumt Beispiele zu zeigen. Wie, bitte schön, soll ich eine 0,7 erkennen? Hier versagt der Laienblick. Normalerweise achte ich auch meist irgendwie auf Hintern. Marc stand einmal vor der heiklen Aufgabe Jennifer Lopez nach ihrem Hintern zu befragen. Eigentlich eine Mission Impossible aber er stellte sich der Herausforderung: „Frau Lopez, ich würde gerne über Ihren Hintern reden. Als Trägerin eines Hinterns, der die Welt begeistert, wissen Sie genauso gut wie ich, dass Ihnen dieser Hintern Macht verleiht. Wie benutzen Sie diese Macht, Frau Lopez – zum Guten oder zum Bösen?“ Das Interview endet natürlich in der Katastrophe.

Nach knapp fünf Stunden steige ich wieder am Platz der Luftbrücke aus. Das Gewitter ist schon weiter gezogen, die Luft ist klar und angenehm klar. Auf dem Heimweg kämpfe ich gegen das Verlangen an, sofort alles über Marcs Leben und seinen Tod zu googlen. Ich werde es nicht tun. Nicht jetzt. Seine „Fischerwelt“ hat ihn 2011 40-jährig verschluckt. Ich möchte mir gerne vorstellen, dass er gerade in irgendeiner Hotel-Lobby in New York sitzt und etwas nervös die noch nie gestellten Fragen für das nächste Interview durchgeht. Und dann, es ist soweit. Zeit neue Beute zu machen.

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