It’s a wrap.

Vor einigen Jahren saß ich im Büro von Dr. Claus Richer im ZDF-Hauptstadtstudio Unter den Linden. Richter ist das, was man ohne Zweifel als öffentlich-rechtliches Urgestein bezeichnen kann. Ein mehrfach preisgekrönter Fernseh-Journalist, der seit über einem Jahrzehnt als Redaktionsleiter von Frontal 21 den Mächtigen aus Politik und Wirtschaft auf die Finger klopft. Sein Format war jahrelang Marktführer bei den „politischen“ Magazinen in ARD und ZDF. Reichweite verleiht Macht und Menschen wie Dr. Claus Richter wissen damit umzugehen.

Richter saß also rauchend hinter seinem Schreibtisch und ärgerte sich mit einer Gegendarstellung von Gregor Gysi herum. Die Aufzeichnung der aktuellen Sendung war nur noch wenige Stunden entfernt und irgendwie musste dieser Text rein. Am Wortlaut Gysis war natürlich nichts zu ändern aber an der Abmoderation dazu könnte man noch was machen. Quasi eine Art Gegendarstellung zur Gegendarstellung. Also machte er was. Kurz, präzise, giftig.

Ich saß zu diesem Augenblick in seinem Büro, weil ich zusammen mit einem Kollegen einen Beitrag über Behandlungsfehler von Ärzten gedreht hatte. Eigentlich nichts weltbewegendes, Ärztefehler gab es schon immer. Sie gehören zum Berufsrisiko und können für Ärzte und Patienten dramatische Folgen haben. Warum also ausgerechnet jetzt so einen Beitrag?

Zur selben Zeit streikten in Deutschland mal wieder die Klinikärzte gegen überlange Arbeitszeiten durch Schichtdienst und Bereitschaften. Würde sich nichts ändern, stiege die Zahl der Behandlungsfehler und damit auch zwangsläufig die ungewollten Todesfälle. Wir waren dort um unseren Beitrag abnehmen zu lassen. Ein wichtiger Termin. Wir hatten alles was wir brauchten: Dramatische Fälle und persönliche Schicksale von Ärztepfusch, Zahlen, Fakten, Expertenmeinungen von Arbeitsrechtlern, Ärzten und Klinikdirektoren, dazu Bilder aus der Notaufnahme und von aktuellen Demonstrationen auf der Straße. Und noch etwas hatten wir: Jede Menge Anklage und Überzeugung im Sprechertext hier für die richtige Sache zu kämpfen. Für die Ärzte und Patienten gegen die Politik – in diesem Fall das Arbeitszeitgesetz. Trotzdem war Richter nicht zufrieden. Das war alles immer noch zu lasch. Insbesondere den Anwalt eines Behandlungsopfers hätte er am liebsten ganz rausgeschmissen, denn dieser war ihm zu indirekt, nicht scharf genug. Richter war gerade dabei sich aufzuregen, wurde immer grantiger, weil wir ihm so ein weiches Stück präsentierten. Und dann fiel mir glücklicherweise etwas ein. Weil ich das komplette Interview mit dem Anwalt transkribiert hatte, konnte ich ihm aus dem Gedächtnis einen Alternativ-O-Ton zitieren, der mehr nach seinem Geschmack war. Seine Stimmung hellte sich auf, aus dem Stehgreif verschärfte er punktuell den Sprechertext und wir bekamen grünes Licht für die Sendung. Es war nicht so, dass wir irgendwelche Fakten verändert oder Interviews in einem anderen Sinnzusammenhang genutzt hätten, wir haben lediglich bewusst bestimmte Argumente stärker gewichtet als andere und damit dem Beitrag eine explizite Richtung gegeben. Man könnte auch mit gutem Recht sagen, wir haben Stimmung gemacht.

Warum erzähle ich diese Episode? Nun, einmal weil meine Erfahrungen mit Frontal 21 mein Bild vom ausgewogenen, öffentlich-rechtlichen Fernsehjournalismus nachhaltig verändert hat und weil ich überzeugt bin, dass jede Form von Journalismus egal ob Boulevard, Wirtschaft, Sport oder Politik, durch eine mehr oder weniger offensichtliche (politische) Agenda der handelnden Personen beeinflusst wird.

Ich habe damals einiges gelernt. Nicht nur wie man einen aktuellen Beitrag für ein politisches Magazin baut, auch aus relativ trockenen Debatten, sondern eben auch wie wie man unter dem vermeintlichen Banner des öffentl.-rechtl. Journalismus Lobbyarbeit für eine Interessenlage macht.

Das war damals.

Und heute?

Als Christopher Lauer, Fraktionsvorsitzender der Berliner Piraten vor wenigen Tagen seinen Entwurf für eine Urheberrechtsreform der Presse und somit der Öffentlichkeit präsentierte, war er sicherlich schon darauf eingerichtet, dass die Kritik an diesem Vorgang erheblich werden könnte. Und natürlich kam es wie es kommen musste. Empörung, Unverständnis und Kopf schütteln an der Basis über diese vermeintlich eigenmächtige Aktion. Doch für einen Augenblick lag die mediale Aufmerksamkeit wieder dort wo sie eigentlich öfter sein sollte, auf einem der Kernthemen der Piraten: die Reform des Urheberrechts. Wenn die Piraten auf diesem Feld nicht irgendwann liefern könnte es eng werden. Das ahnt Lauer und mit ihm viele innerhalb und außerhalb der Partei.

Ich kann den Entwurf an dieser Stelle gar nicht inhaltlich bewerten, denn ich bin weder Jurist noch Urheberrechtsexperte. Es reicht zu sagen, dass es in der Folge unterschiedliche Berichterstattung in den Medien und Blogs gab. Und es gab einen bemerkenswerten TV-Beitrag des „investigativen“ RBB-Fernsehmagazins „Klartext“.

Die Redakteurin des Beitrags, Iris Marx [btw: weder verwandt noch verschwägert noch sonst mir in irgendeiner Form persönlich bekannt], lieferte sich während der Produktion des Beitrags einen kleinen aber feinen Schlagabtausch mit Lauer, der mal wieder ein Licht darauf wirft, wie Berichterstattung in politischen Fernsehmagazinen funktioniert. Lauer selbst hat den Vorgang auf seinem Blog anschaulich beschrieben: Vorher schon wissen was nachher passiert. Darin spart er nicht an Vorwürfen hinsichtlich der Arbeitsmethoden der Klartext-Redaktion, insbesondere wenn es um die Interviewtechniken geht:

„Die Gespräche laufen immer nach dem selben Muster ab. Es werden eine halbe Stunde oder länger aggressiv immer wieder dieselben Suggestivfragen gestellt, am Ende wird das denkbar dümmste Zitat in einen tendenziösen Bericht geschnitten.“

Sollte das tatsächlich der Realität entsprechen, kann ich beiden Protagonisten nur gratulieren. Lauer dafür, dass er die Nerven hat, sich so einer Tortur wiederholt zu unterziehen und Marx dafür, dass sie anscheinend genau verstanden hat, wie man vorgehen muss, um einen politischen Beitrag im deutschen Fernsehen zu bauen. Denn genau darum geht es. Das, was Lauer schon mit dem Titel seines Artikels sehr genau beschreibt, das ‚vorher wissen, was nachher kommt‘, ist das kleine Einmal-eins im Magazin-Journalismus.

Ich weiß nicht, ob in Journalistenschulen immer noch der Mythos vom ergbnisoffenen und objektiven Beitragsbau gelehrt wird, die Realität ist meist eine andere. Die Redaktionsleitung erwartet von ihren AutorInnen in der Regel ein fertig recherchiertes und konzipiertes Stück noch bevor der Kameramann auch nur den ersten Knopf gedrückt hat.

Lauers Kritik zielt im Kern darauf, dass die Klartext-Redaktion nicht in seinem Sinne bis zur letzten Minute ergebnissoffen gearbeitet. Aber wie soll das gehen? Noch während der Dreharbeiten oder gar im Schnitt die Aussage eines Stücks substantiell verändern oder komplett rumreißen? Solche Fälle gibt es vielleicht, aber sie sind eher die Ausnahme. Es kommt sogar vor, dass genau diese Beiträge dann nicht mehr in die Sendung genommen oder hinterrücks noch umgeschnitten werden.

Die eigentliche journalistische Arbeit findet in der Regel lange vor allen Dreharbeiten und TV-Interviews statt. In eigener Recherche, Telefongesprächen und persönlichen Kontakten entsteht das, was man als die eigentliche „Geschichte“ bezeichnen kann. Plötzlich tut sich ein Thema auf, dass man der Redaktion vorschlagen kann. Mitunter gibt es auch einfach nur den Willen in einer aktuellen Diskussion eines bestimmte Seite zu unterstützen.

In jedem Fall ist aber vor den Dreharbeiten meist völlig klar wohin die Reise gehen wird. An der inhaltlichen Stoßrichtung wird nur noch feinjustiert. Die Wahl der Experten, die die eigene Meinung stützen, gehört zu dem wenigen, das während der Produktion ggf. noch verändert werden kann, einfach weil es im Zweifel wichtiger ist, was gesagt wird, nicht so sehr von wem es gesagt wird. Gleichwertigen Ersatz gibt es immer. Ein anderes Gesicht, dieselbe Meinung. Im aktuellen Fall des Klartext-Beitrags hatten also die „Urheberrechtsexpertin“ Dr. Barbara Auer sowie die ehemalige Justizministerin Brigitte Zypries die dankbare Aufgabe den Urheberrechtsentwurf der Piraten in wenigen Sätzen zu zerpflücken. Soweit so unspektakulär.

Was dem Beitrag seine tendenzielle Note gibt hat mit dem eigentlichen Thema, dem Urheberrechtsentwurf, wenig zu tun. Es ist die Häme mit der geschildert wird, wie der Entwurf entgegen sonstiger Piratenpraxis im Alleingang entwickelt und am Liquid Feedback vorbei an die Öffentlichkeit gebracht wurde. Hinzu kommt der missglückte Versuch ein Interview mit Lauer zu verabreden. Eine „Farce“ sei das, und eines Abgeordneten, erst recht eines Fraktionsvorsitzenden, ganz sicher unwürdig, das macht der Beitrag sehr deutlich.

Darüber hinaus stellt der Beitrag aber auch berechtigte Fragen. Zum Beispiel die Frage nach den tatsächlichen Urhebern des Entwurfs. Oder um es in Lauers eigenen Worten zu sagen: „Wer ist denn Herr oder Frau Referentenentwurf“

Das gewünschte Interview mit Christopher Lauer dazu kam nicht zustande. Andererseits wäre es sicher keine unmögliche Hürde gewesen, mit einem Kamerateam einfach mal rüber ins AGH zu fahren. Dr. Claus Richter jedenfalls hätte darauf bestanden. Und noch weitere spannende Fragen hätte man stellen können, stattdessen begnügt sich die Klartext-Redaktion mit raunenden Spekulationen. Nicht besonders viel für ein vermeintlich „investigatives“ Polit-Magazin. Fazit Lauer:

„Nicht nur der Boulevard oder “Bild” gehen mit grenzwertigen Methoden bei der Berichterstattung vor. Grade die vermeintlich investigativen Formate der öffentlich-rechtlichen Sender sind mit Abstand das mieseste, was mir bisher in Punkto Berichterstattung untergekommen ist.“

Man kann diese Aufregung natürlich verstehen. Allerdings glaube ich auch, dass Lauer in seinem Versuch die Redaktion zu trollen etwas übers Ziel hinausgeschossen ist. Wer Interviewangebote an solche Bedingungen knüpft und als Timeslot 5 Uhr 30 an einer öffentlichen Tankstelle angibt, der muss sich dann auch nachher nicht wundern, dass sich sowas im Beitrag niederschlägt.

Christopher Lauer ist in den Medien sehr präsent. Das bringt seine Arbeit in der Fraktion mit sich. Allerdings bietet er auch von sich aus oft Vorlagen für jede Form von Berichterstattung. Vielleicht sollte man deshalb die ganze Sache einfach sportlich sehen. Die Unabhängigkeit und Meinungsvielfalt politischer Berichterstattung im Fernsehen ist ein wohl gepflegter Mythos. Im besten Fall kann es nur um Annäherungen an eine objektive Wahrheit gehen. Schon bei reinen Nachrichten ist das schwierig, bei politischen Magazinen praktisch nicht möglich, da der Zuschauer nie die wahre Agenda einer Redaktion kennt. Wem das jetzt zu sehr nach Medienverschwörungstheorie klingt, dem sei gesagt, so eine Agenda muss bei weitem nicht das Ergebnis einer illuminatorischen Intendanten- oder Redaktionsverschwörung sein. Viel banaler. Es geht einfach fast immer um Quoten. Und nichts lieben Fernsehmacher so sehr wie Konflikte, Skandale und Drama, deswegen schalten die Zuschauer ein.

Das nächste Mal kommt Iris Marx vielleicht mit einem anderen Piratenthema um die Ecke und die Sache geht anders aus. Kontinuierliche Berichterstattung ist eine Langstreckendisziplin. Man sollte mal die Gesamtheit der Klartext-Beiträge untersuchen und schauen wie hier der Grundton spielt. In der Zwischenzeit würde ich den Kontrahenten Lauer und Marx vielleicht einen gemeinsamen DVD-Abend empfehlen. Bald ist Herbst, die Abende werden wieder länger und anhand Helmut Dietls „Kir Royal“ und Aaron Sorkins „Newsroom“ kann man sich sehr unterhaltsam und klug vergegenwärtigen, wie das Spiel der Medien und der Politik so läuft. Als Inspiration für die kommenden Aufgaben. Für beide Seiten.

Anmerkung:
Dies ist die überarbeitete Version des Artikels. Der ursprüngliche Text war mir stellenweise zu ungenau, pauschal und missverständlich. Memo an mich: Bloggen unter Zeitdruck kann funktionieren, muss aber nicht. Hier hat es leider im ersten Wurf nicht funktioniert. Umso ärgerlicher, wenn es im Text um zweifelhafte Methoden im Journalismus geht.

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