It’s Facebook, stupid.

Die ganze Sache kam mir ja von Anfang an komisch vor. Aber irgendwann bin ich natürlich auch da gelandet, wo sich alle seit Jahren rumtreiben als gäbe es dort free Pizza: Facebook. Im Februar 2010 checkte ich ein und tatsächlich, es war die meiste Zeit über ein großer Spaß, auch ohne Pizza. Mittlerweile sind mehr als zwei Jahre vergangen und das Ding ist immer weiter explodiert. Facebook kommt auf 842.442.980 Nutzer (Quelle: www.checkfacebook.com). Das sind dann mal eben 12% der Weltbevölkerung. Und selbst wenn man von den 842 Millionen noch großzügig 10-20% abzieht, weil diese Accounts auf Unternehmen, Produkte, Marken etc. zurückgehen, muss die Größenordnung einfach schwindelig machen. Der nun bevorstehende Börsengang von Facebook hat den Hype noch weiter angeheizt. Gleichzeitig wächst die Kritik und die Frage, was Facebook denn nun wirklich wert sei, 30 Mrd? 50 Mrd.? 100 Mrd.?

[Euren eigenen Wert könnt ihr hier berechnen lassen: Facebook Val-You Calculator]

Welche Auswirkungen Facebook auf unser Leben und unseren Umgang mit persönlichen Daten hat, darüber wurde 2012 erstmals breit in den Medien berichtet. Zuletzt im SPIEGEL (19/2012) und in der ARD-Doku „Milliardengeschäft Freundschaft“. Feststeht, noch nie in der Geschichte des Internets hat ein einzelnes Unternehmen oder eine Webseite so viele Menschen um sich versammelt. Demnächst erwische ich noch meine Großmutter dabei, wie sie die neuesten Videos der Kastelruther Spatzen postet. Aber warum auch nicht? Wenn wir das können, dann auch unsere Eltern oder Großeltern. Fair ist fair.

Es geht mir hier nicht um plumpes Facebook-Bashing, sondern um den persönlichen Umgang mit der größten Social Media Plattform der Welt. Zugegeben, es geht vor allem um meinen Umgang und die Frage, was es bedeutet, wenn praktisch 90% der eigenen Freunde, Bekannten und Kollegen – aktuelle und ehemalige, auf Facebook unterwegs sind und man selbst irgendwann beschließt diesen Club zu verlassen.

Wahrscheinlich ist es leichter mit dem Rauchen Schluss zu machen, als mit all seinen Online-Kontakten auf einmal. Doch genau vor dieser Entscheidung stand ich nach zwei Jahren Facebook. Einmal weil mir das wahre Geschäftsmodell von Facebook mit der Zeit immer merkwürdiger erschien. Aber auch weil ich in der Zwischenzeit ein Bewusstsein oder besser gesagt ein neues Bedürfnis nach informationeller Selbstbestimmung entwickelt hatte. All das führte zu einem diffusen Unbehagen. Meine Konsequenz: Am 2. Februar 2012 veröffentlichte ich folgendes Statement auf meiner Facebook-Seite:

Not my Facebook – Eine Verabschiedung

Als ich mich vor fast genau zwei Jahren dazu entschloss ein Facebook-Profil einzurichten, tat ich das aufgrund der hartnäckigen Überredungskünste einer lieben Kollegin. Ich hatte mich bis zu diesem Zeitpunkt immer etwas gesträubt, mein vermeintlich ach so privates Privatleben mit anderen Menschen im Netz zu teilen, auch aus dem Gefühl heraus, dass jeden Menschen ein kleines Geheimnis umgeben sollte, das zu entdecken, eben eine wirkliche Beschäftigung und echtes Interesse an der Person voraussetzt. Meine Bedenken wurden jedoch schnell zerstreut. Facebook entpuppte sich als kurzweilige Plattform auf der man sich mit Freunden und Bekannten schnell, unkompliziert und bequem austauschen konnte, über das was einen beschäftigt oder in einem kurzen Moment zum Lachen oder Weinen bringt. Insofern bin ich besagter Kollegin auch überhaupt nicht böse, im Gegenteil. Ich hatte Spaß mit Facebook und innerhalb kürzester Zeit wurde ich ein begeisterter Nutzer. Mein Motto, das sich ursprünglich auf der linken Seite unter dem Profilbild jedem Besucher sofort offenbarte, lautete stets:

„Ich finde, wir haben die Chance hier eine lebensverändernde Erfahrung zu machen. Und die haben wir auch nötig.“Dieser schöne Satz stammt nicht von mir, sondern ist ein Zitat aus Wes Andersons „The Darjeeling Limited“. In dem Film befinden sich drei Brüder auf Sinnsuche in Indien, um dieses fremdes Land und vor allem sich selbst neu zu entdecken und ihre Familie zu vereinen. Ich möchte diesen Satz auch heute noch unterschreiben, allerdings würde ich ihn nicht mehr auf Facebook, sondern auf das Netz insgesamt beziehen. Ich liebe das Internet. Ich verbringe viel Zeit damit. Genauer gesagt, ich kann mir ein Leben ohne Internet schon lange nicht mehr vorstellen.

Vom sozialen Netzwerk zum virtuellen Mausoleum

Das Internet, das ich mir wünsche ist ein bunter und vielfältiger Ort. Hier kann ich mich frei bewegen und äußern, Dinge entdecken, die neu, informativ, interessant, verrückt, banal, relevant, manchmal vielleicht sogar etwas gefährlich sind. Ich kann einkaufen und Freunde, Bekannte und (ehemalige) Kollegen treffen. Eben genau so wie auch im „richtigen“ Leben. Allerdings möchte ich dafür, genau wie außerhalb des Netzes, nicht meine Persönlichkeit, meine Vorlieben und meine Geheimnisse, also das, was wir gemeinhin als Privatsphäre bezeichnen, vollständig, quasi per Flatrate einem privatwirtschaftlichen Unternehmen überlassen, künftig börsennotiert mit Aktionärsinteressen und entsprechender Renditeerwartung.

Die Art und Weise, wie Facebook immer stärker versucht, die Deutungshoheit über das Internet und zunehmend über unsere Online-Identität zu erlangen, bereitet mir schon länger Bauchschmerzen. Was einmal als Online-Plattform für soziale Kontakte begann hat sich mittlerweile zum ‚Kontakthof zur Anbahnung von Geschäftsbeziehungen‘ gewandelt. Dazu versucht Facebook auch außerhalb der eigenen Plattform den Internetuser dort abzuholen, wo er sich gerade befindet. Immer und überall. Kaum eine Seite, die nicht über Like-Buttons verfügt, kaum eine Applikation oder Online-Dienstleistung, die nicht eingebunden wird. Alles mit dem Ziel den User noch besser kennenzulernen und die Verweildauer auf Facebook stetig zu maximieren. Mit Erfolg. In Zukunft möchte Facebook aber noch mehr sein, nämlich die Referenzgröße für das Leben im Netz, ein sozialer Erlebnispark mit angeschlossenem Shopping-Center und nicht zuletzt: ein virtuelles Mausoleum, von jedem einzelnen zu Lebzeiten errichtet.

Mark Zuckerberg ist nicht der Antichrist

Viele werden nun fragen, wo das Problem sei, schließlich verlangt Facebook kein Geld für seinen Service, wir machen das alles freiwillig und das bisschen Daten-Tracking und personalisierte Werbung nehmen wir halt in Kauf, schließlich bekommen wir ja etwas dafür: Spaß und einen Ort an dem wir rumhängen können. Und wir sind nicht allein. Alle unsere Freunde sind hier. Wenn ich mir jedoch die Entwicklung der letzten Zeit genauer anschaue und dabei berücksichtige welche Geschäftsmodelle und Interessen dahinter stehen, dann frage ich mich, welche Rolle dem User künftig zukommt und ob ich diesen Weg weiterhin mitgehen will. Die virtuellen Sphären, die Unternehmen wie Facebook, Google oder Apple gerade errichten, dürften das Netz und unseren Umgang damit auch künftig weiter prägen und verändern. Dabei wirken Kräfte, die so stark sind, dass die breiten Massen sie nicht anzweifeln sondern unter Jubel begrüßen werden. Um es klar zu machen, ich halte Mark Zuckerberg nicht für den Antichrist und Facebook nicht für den Untergang des digitalen Abendlandes. Ich kann die Vision der radikalen Transparenz durch reibungsloses Teilen (frictionless sharing) sogar nachvollziehen, nur teile ich sie nicht, oder, um es in den Worten des diskordischen Evangelisten zu sagen: „I’ve seen too much Hentai to know where this is going.“

Endstation, bitte aussteigen

Facebook kann eine großartige Plattform sein, für Unternehmen, Organisationen, NGOs, Künstler, Politiker, Aktivisten, Versicherungsvertreter, generell für jeden, der eine möglichst große Zielgruppe erreichen möchte. Für mich als Privatperson, die ihre Persönlichkeitsrechte und Privatsphäre als wertvoll erachtet, ist die Reise an diesem Punkt jedoch vorbei. Die Einführung der Timeline dieser Tage ist hierbei nicht der Auslöser meiner Entscheidung, sondern lediglich ein weiterer logischer Schritt auf einem Weg, der vorgezeichnet ist. Die Anzahl meiner Postings ist bereits in den letzten Monaten stark zurückgegangen. Auch das hatte Gründe. Ich werde also in den kommenden Tagen mein Facebook-Konto löschen. Das fällt mir aus naheliegenden Gründen gar nicht so leicht (Wer jemals Rollenspieler war, weiß, wie sehr man an seinem Charakter hängen kann – „Touch“, Du wirst nie vergessen sein!).

Facebook war eine gute Schnittstelle, um z.B. Kontakt zu Menschen zu halten, denen ich offline nur selten (wenn überhaupt noch) begegnet bin, deren Treiben mich aber trotzdem in einem gewissen Maß interessiert hat. In Zukunft werde ich wahrscheinlich die eine oder andere Party oder Personalie aus diesem erweiterten Kreis verpassen. Allerdings bin ich nicht aus der Welt. Wer weiterhin (Online)-Kontakt zu mir halten möchte und an Status-Updates interessiert ist, der findet mich bei Xing, LastFM, Skype und seit einigen Wochen auch bei Twitter (bei Interesse einfach fragen). Meine Emailadresse ist unverändert und davon abgesehen trinke ich auch gerne Kaffee oder Prozentiges – ganz real.

Alternativlos verbunden?

Gibt es eine Alternative zu Facebook? 20 Millionen User in Deutschland, 800 Millionen weltweit wird diese Frage nicht besonders interessieren. Aber vielleicht gibt es sie doch. „Diaspora“ heißt eine dezentral organisierte Online-Plattform, die zurzeit noch in einem sehr frühen Stadium ist und die Funktionen von Twitter und Facebook quasi kombiniert. Ich kann darüber noch nicht viel sagen, da ich eben erst begonnen habe mir diesen Dienst genauer anzuschauen. Es wird sicherlich nie ein Facebook-Killer, aber es hat das Potential dazu ein Ort zu werden, wo sich Menschen in einer freien und selbstbestimmten Umgebung verbinden und austauschen. Und sicher arbeiten irgendwo auf der Welt gerade ein paar Studenten an etwas völlig neuem, das wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Insofern gilt auch für Facebook, was für alle Online-Plattformen und Dienste gilt: Nichts ist für die Ewigkeit und als Bewohner des Internets sollte man sich daran gewöhnen mehr Nomade statt irgendwo ständiger Resident zu sein (kennt eigentlich irgendwer noch AOL oder MySpace?) Eines ist sicher, wir werden uns wiedersehen, online und offline, wenn nicht hier, dann auf einem anderen Sonnendeck.

Die Reaktionen darauf bewegten sich meist im Bereich achselzuckender Gleichgültigkeit oder beherzter Zustimmung und Ermutigung. Wobei letzteres eher in privaten Direktnachrichten geäußert wurde und weniger in öffentlich sichtbaren Kommentaren. Nur wenige sahen sich veranlasst ein flammendes Plädoyer FÜR den Verbleib auf Facebook zu halten.

Jetzt – rund drei Monate später ist es also Zeit für eine kurze Bilanz. Ich habe schließlich mit 120 Menschen auf einen Schlag Schluss gemacht. Zumindest war das der Plan. Oder doch nicht? Die Antwort lautet Jein! Ich habe mein Profil auf Facebook NICHT gelöscht. Ich konnte es einfach nicht! Und dabei ging es mir nicht um die Menschen, die mir sehr nahe stehen, sondern im Gegenteil. Das „Problem“ waren die Leute, die ich teilweise seit Jahren nicht mehr gesehen habe oder nur sehr selten noch treffe – denn zu allen habe oder hatte ich einmal eine (soziale) Beziehung. Die Vorstellung, diese einzige noch verbliebene Verbindung komplett zu kappen, erschien mir auf einmal absurd. Und das, obwohl ich noch wenige Tage vorher so fest davon überzeugt war. Und genau hier zeigt sich das Dilemma, das ein Facebook solcher Größe mit sich bringt. Ein totales Netzwerk erscheint irgendwann too big to quit. Egal wie stark die Bedenken sind. Auf jeder Zigarettenschachtel finden sich Warnhinweise nur bei der größten Social Media-Plattform nicht? Außerhalb des Netzes gibt es Kartellämter, die sich bei drohenden Monopolen einschalten. Wenn aber im Internet ein Unternehmen ankommt und sich das Monopol auf soziale Beziehungen und Kommunikationstechniken aneignet, was dann?

Mein Kompromiss sah dann so aus, dass ich mich entschloss mein FB-Profil fürs erste zwar zu behalten, es aber gleichzeitig nicht mehr zu pflegen. Eat this, Mr. Zuckerberg! Alle paar Wochen checkte ich noch nach neuen Direkt-Mitteilungen, sonst nichts. Facebook als reiner Briefkasten. Die Abwesenheit meiner Facebook-Freunde verlor relativ schnell ihren Schrecken. Mit den Menschen, die ich im realen Leben tatsächlich als Freunde bezeichnen würde, hatte ich auch weiterhin Kontakt. Von den anderen bekam ich nichts mehr mit. Wer wann mit wem etwas unternahm, welche Filme, Serien oder Bands angesagt waren, all die Fotos und Links aus dem ganz banalen Alltag, keine Ahnung!

Der Entzug machte mir wieder eines klar: Ich habe keine 123 Freunde. Ich habe vielleicht vier oder fünf! Und das ist völlig ok. Der Rest sind nahe und weniger nahe Bekannte von denen ich ab und zu gerne mal mitbekomme was so passiert. Auch sie bedeuten mir etwas. Aber im Zweifel und in der Abwägung muss und kann ich auf permanente Updates verzichten.

Etwas anders sieht es bei Twitter aus. Ich hatte schon vor meinem Facebook-Rückzug dort angefangen. Und auf den ersten Block würde man meinen, ich habe nur das eine Gift gegen ein neues ausgetauscht. Aber die Unterschiede sind doch bedeutend. Neu für mich war vor allem eines: Ich war plötzlich allein. Und damit meine ich, ganz allein, also ziemlich allein! Ich folgte Personen des (halb)öffentlichen Lebens aus Netz und Politik, diversen Bloggern, die ich seit Jahren las und den üblich verdächtigen Celebrities. Aber eben auch „normalen“ Menschen, die ich rein gar nicht kannte, aber deren Tweets mir gefielen. Umgekehrt folgte mir anfangs niemand. Warum auch? Für mich stand bei Twitter von Anfang an das Lesen anderer im Vordergrund. Die Übersichtlichkeit der Timeline sorgt dafür (anders als bei Facebook und seiner immer größeren Komplexität, die aber auch Unübersichtlichkeit mit sich bringt) .

Und das ist nach einigen Monaten auf Twitter der entscheidende Punkt: Ich interessierte mich wieder für eine Timeline, für Diskussionen und Meinungen! Mittlerweile schätze ich Twitter für die schnelle, kreative, pointierte Art und Weise der Nachrichtenverbreitung, und das trotz der offensichtlichen Mängel, die auch Twitter hat (angefangen bei lästigen Spam-Bots und einer unterirdischen Suchfunktion). Ich habe sogar einige Follower lieb gewonnnen, obwohl ich immer noch so gut wie nichts über den Menschen dahinter weiß. Alles was ich kenne sind konstruierte Twitter-Identitäten.

Vor wenigen Tagen hatte ich dann Geburtstag und natürlich erreichten mich auch über Facebook viele Glückwünsche. Und plötzlich war es wieder da, dieses kleine, angenehme Gefühl, anderen Menschen etwas zu bedeuten. Well done, Facebook-Geburtstags-Kalender. Und trotzdem, Mark Zuckerbergs Visionen sind mir einfach zu spooky um dort wieder voll einzusteigen. Aber irgendeine Form der Aktivität werde ich für mich finden („jein“).

Und Twitter? Mittlerweile gibt es viele Bedenken, dass der Dienst eine ähnlich problematische Richtung einschlägt. Längst werden hier ebenfalls Tweets verarbeitet und die daraus gewonnenen Daten gespeichert, ausgewertet und schließlich verkauft. Sascha Lobo hat erst kürzlich auf der re:publica 2012 den Verdacht geäußert, Twitter könnte noch in diesem Jahr von Apple gekauft und zur App umgebaut werden. In jedem Fall wird sich etwas verändern, die Niederlassung der Deutschland-Zentrale in Berlin und die damit verbundenen Ankündigung neuer Entwicklungen lassen zumindest darauf schließen.

Was bleibt also in Sachen Facebook und Twitter? Zunächst einmal bleiben eine Menge Fragen. Was macht das Netz mit mir und was mache ich darin? Was suche ich bei Social Media und was finde ich? Wo ziehe ich die Linie zwischen Transparenz und Privatsphäre? Ab wann wird ein Kunde zum Produkt? Wie viel informationelle Selbstbestimmung kann und möchte ich mir leisten? Wenig überraschend, ich habe keine endgültigen Antworten sondern immer wieder neue Fragen. Allerdings auch eine Ahnung: It’s complicated.

P.S.: Dass ich auf dieser Homepage übrigens Facebook-Like Buttons integriert habe, ist Teil jener Internet-induzierten Privacy-Schizophrenie, über die ich gerne mehr wüsste.

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