Grillen auf offenem Holzfeuer: Alexander Mankowsky über die Zukunft des Autofahrens.

Alexander Mankowsky

Das Arbeitsgebiet von Alexander Mankowsky heißt „Kultur und Auto“ und ist in der Forschungsabteilung von Daimler in Stuttgart angesiedelt. Als Wissens-Ingenieur und Zukunftsforscher analysiert Mankowsky die Wechselwirkungen von Mobilitätstechnologien und gesellschaftlichen Entwicklungen. Dabei geht es ihm natürlich um die grundsätzlichen Fragen, die man nie früh  genug stellen kann: Was bedeutet das alles für unser Leben, Arbeiten und Wohnen?

Auf der diesjährigen re:publica Konferenz in Berlin präsentierte Alexander Mankowsky seine Vision von Mobilität in der Zukunft. Im Interview skizzierte er warum der Wegfall von Stress beim Autofahren uns alle für immer verändern wird, wie wir lernen werden loszulassen und wie die Gesellschaft den Übergangsprozess bis dahin sinnvoll gestalten könnte.

Herr Mankowsky, worin genau sehen Sie die Faszination im Bereich autonomes Fahren?  

Heutzutage ist der Mensch mobiler als je zuvor. Es gibt immer mehr Möglichkeiten der Mobilität. Und diese Mobilitätsvielfalt, besonders in einer immer dichter werdenden Umwelt, produziert sehr viel Stress. Und jede Entlastung von Stress – das beginnt bei  Assistenzsystemen und endet bei vollautomatischen Fahrzeugen, aber auch bei Informationssystemen, wie Google – alles was Stress nimmt wird dankbar angenommen.

Auf dem Weg ins Zeitalter selbstfahrender Autos spielen mobile Roboter eine große Rolle, um den Menschen überhaupt an das kommende Szenario zu gewöhnen. Wir befinden uns mitten in einem Prozess.

Gesellschaft und  Wirtschaft sind schon sehr viel weiter, als man sich vorstellt. Das sind ja nicht nur wir, also Daimler, Google oder andere bekannte Unternehmen. In Großbritannien beispielsweise werden derzeit kleine automatische Transportsysteme entwickelt sogenannte Pods. In Masdar, in der Modellstadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, sind diese Pods bereits unterirdisch in Parkhäuser gefahren.

Auf der anderen Seite hat Daimler Trucks dieses Jahr den ersten autonomen Lkw mit Straßenzulassung in Nevada präsentiert. Wieder eine andere Dimension.

Zudem gibt es in Fabriken Produktionsroboter mit denen die Menschen mittlerweile „Hand in Hand“ zusammen arbeiten. Robotik kommt mittlerweile auf breiter Fläche zum Einsatz. Dabei ist das Auto am auffälligsten. Es ist von der Kultur her ein bekannter Gegenstand, an den man gewöhnt ist. Und jetzt plötzlich ändert es den Charakter.

Woran macht sich das in bereits vorhandenen Fahrzeugen bemerkbar?

Schauen sie sich die aktuelle Mercedes-Benz S-Klasse an: Der Abstandsregeltempomat DISTRONIC PLUS mit Lenk-Assistent unterstützt den Fahrer, das eigene Auto auch bei Stop&Go im gewünschten Abstand zu einem vorausfahrenden Fahrzeug und automatisch in der Spur zu halten. Dabei merkt man ganz deutlich wie der Stress abfällt. Auch die Skeptiker, die sagen: „Ich möchte die Kontrolle nicht abgeben. Mit dem Lenkrad bin ich verwachsen.“ sind überzeugt, wenn sie eine halbe Stunde auf der Autobahn mit DISTRONIC PLUS gefahren sind. Es ändert komplett ihre Meinung. Viele dieser Technologien  muss man körperlich erleben und erfahren. Je mehr Menschen diese Erfahrungen machen, umso eher sind sie bereit für etwas Neues. Wir als Forscher müssen einen Prozess in Gang setzen, damit die Menschen lernen mit den Maschinen umzugehen, mit ihnen zu kooperieren. Deswegen nenne ich autonom fahrende Fahrzeuge derzeit auch mobile Roboter. Den Leuten soll ein Gedankenanstoß gegeben werden, zu sagen: das ist eine Maschine, die macht von sich aus Dinge automatisch. Kann sie etwas gut, kann sie es nicht gut? Warum macht sie das? Man muss sie verstehen lernen. Wir als Hersteller müssen entsprechende Kommunikationswege ermöglichen, damit man als Mensch lernen kann mit den mobilen Robotern umzugehen. Das ist ein dialogischer Prozess, der aber natürlich sehr viel über Erfahrung läuft.

Zentral wird letzten Endes sein, wie wir als Menschen mit diesen Robotern, und später auch mit den fortgeschritteneren Systemen, kommunizieren sollen. Dazu gibt es bereits einige Systeme im Bereich Sprachsteuerung, „voice and gesture control“. Wird es dabei bleiben?

Um das Auto herum fällt Sprache auf den ersten Blick erst mal weg. Die Menschen machen vor allem nonverbale Kommunikation. Diese nonverbale Kommunikation besteht nicht zu hundert Prozent nur aus Gesten. Es ist auch eine Körperhaltung, die wir einnehmen können. Gesten sind sehr detailliert. Das heißt, für den Autoverkehr, aber auch für Roboter in Produktionsanlagen, sind neben Tönen und Körperhaltungen Lichtsignale vorerst die beste Kommunikationsgrundlage.

Lichtsignale, können darstellen, in welchem Zustand der Roboter sich befindet. Wo will er hin? Hat er mich gesehen? Damit ist der Mensch in der aktiven Rolle, kann seine eigenen Schlüsse ziehen und selber entscheiden über die Straße zu gehen oder zu warten. Oder er lässt bei dichtem Verkehr das autonome Fahrzeug vor sich in die Lücke fahren, weil er weiß, dass das Roboterauto, um den Sicherheitsabstand einzuhalten, sich nicht von selbst auf die andere Spur drängeln wird. Man beginnt, zu kooperieren. Das ist entscheidend.

Man muss bedenken, wie lange es gedauert hat bis Menschen verstanden haben, was ein Auto überhaupt ist. In Deutschland und in Europa nach dem zweiten Weltkrieg, ging es los mit der Massenmotorisierung. Diese hat rund 15 bis 20 Jahre gedauert. Es gab Fernsehsendungen wie „Siebter Sinn“, es wurden Verkehrsschulungen eingeführt und Verkehrszeichen erfunden. In den fünfziger Jahren kam ein Unfall noch vom Himmel. Keiner ist darauf gekommen, dass da jemand mit 80 km/h durch die Stadt fuhr. Es ist einfach passiert und hat sehr lange gedauert, bis sich ein Bewusstsein für Ursache und Wirkung entwickelt hat.

Fällt es Menschen allgemein schwer, sich an bewegte Objekte und Maschinen im Alltag zu gewöhnen? 

Wir haben leider keinen Sinn für kinetische Energie und müssen das erlernen. Ein passender Vergleich sind Pferde. Pferde können eine große, kinetische Energie entwickeln. Wenn sie schnell sind, können sie nicht sofort anhalten, wie ein Auto auch. Sie haben Kommunikationsmedien, die nicht menschlich sind. Ein Pferd guckt, zeigt aber Aufmerksamkeit mit den Ohren. Und diese Kommunikation muss man lernen. Ähnlich muss man auch lernen mit mobilen Robotern umzugehen, sie zu verstehen. Er ist schnell, aber hat mich gesehen und kann anhalten. Und wenn er einem sogar zeigt, dass man die Straße überqueren kann, wie es das Forschungsfahrzeug F 015 mit seinem projizierten Zebrastreifen kann, wird Vertrauen entwickelt – informiertes Vertrauen, kein blindes Vertrauen.

Im Moment scheint es so, als seien die fortschrittlichen Assistenzsysteme vor allem Features im gehobenen Fahrzeugsegment also der Oberklasse und und Luxusklasse. Kommt das Momentum dieser schleichenden, mobilen Revolution nur von von oben?

Vorerst kommt sie von oben, weil bestimmte Sensoren heutzutage noch sehr teuer sind. Aber wie wir wissen, ist der Preisverfall in vollem Gange. Die Software kann überall eingebaut werden. Wir dürfen nicht vergessen, ein wesentlicher Treiber ist der LKW, in der Logistik, bei der Landwirtschaft oder im Minen- und Bergbau. Das wird oft übersehen. Es gibt viele weitere Treiber wie z.B. Drohnen, die im Kern die gleichen Technologien verwenden. Mittlerweile ist in fast jedem Smartphone eine Kamera eingebaut und das sehr günstig. Gewisse Technologien werden immer günstiger werden, so dass die autonom fahrenden Fahrzeuge nicht nur Luxuslimousinen sein werden. Das wäre sehr unwahrscheinlich.

Zum Beispiel, kann es betriebswirtschaftlich sinnvoll sein, eine Fahrzeugflotte autonomer, kleinerer Fahrzeug zu haben und zum Beispiel einen smart für autonomes Carsharing einzusetzen, der keinen Parkplatz mehr benötigt.

Alexander Mankowsky Zukunft der Mobilität

Die Technologie wird nicht aufzuhalten sein. Aber wo sehen Sie die neuralgischen Punkte, die darüber entscheiden, dass wir eine erfolgreiche Aneignung als Gesellschaft hinbekommen?  

Der Knackpunkt ist: Wird es gelingen, die mobilen Roboter in die Gesellschaft zu integrieren? Werden sie von den Menschen akzeptiert? Wird es eine Interaktion geben? Das wird unser Erfolgskriterium sein. Ansonsten wird man an der 99% Perfektionshürde scheitern. Für das letzte Prozent braucht es nämlich Menschen. Nicht dafür, um das Steuer zu übernehmen, sondern, weil Menschen improvisieren können,, Roboter nicht.

Beispielsweise wird das Fahrzeug die Passagiere fragen: „da vorne sind viele Menschen die bei Rot über die Ampel gehen? Was ist das? Was soll ich machen?“ Soziale Situationen. Die Insassen müssen dann sagen können: „Das ist eine Demo, schalte den Motor ab, bleib stehen, wir warten eine halbe Stunde.“ Oder: „Dreh um, wir fahren nach Hause.“ Das müssen Menschen entscheiden können. Das ist das eine Prozent, aber das Wesentliche.

Entscheidend wird auch die Wirkung auf den Städtebau sein, auf den Beruf, auf das Wohnen, unsere Arbeit, unser Leben. Da wird es wenig geben, was nicht betroffen ist. Wenn man älter wird, zum Beispiel, möchte man vielleicht in seinem Haus wohnen bleiben, auch wenn es zu groß wird. Oder wenn man zum Arzt muss, aber nicht mehr dahin kommt, weil es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt. Das bedeutet, ein automatischer Transport kann es einem ermöglichen, in seinem eigenen Haus wohnen zu bleiben. Eine sehr schöne Vorstellung.

Wenn man sich die Preisentwicklung von Immobilien in direkter Nähe zur Eisenbahn anschaut, dann bemerkt man  einen deutlichen Anstieg der Preise je näher man den Bahnhöfen kommt. Das muss nicht mehr sein. Wenn der Zubringer zur Bahn automatisch und kostengünstig funktioniert, können Sie auch weiter außerhalb wohnen. Die Lebensqualität kann konkret verbessert werden, indem die Verdichtung der Städte entspannt wird. Das hat das Potenzial, unser ganz reales Leben zu verändern. 

Selbst wenn Menschen die Vorteile autonomer Fahrzeuge schnell zu schätzen lernen werden, wo bleibt der Spieltrieb? Ganz ohne Fahrfreude werden wir den Menschen kaum erleben. Steuern bedeutet oft genug Vergnügen. 

Den Rennsport wird es immer geben, so wie es den Pferdesport weiterhin gibt. Die Alltagsmobilität wird sich zunehmend automatisieren, während dessen Leute die Spaß haben mit alten Autos, mit Sportwagen und hinter dem Lenkrad – all diese Gefühle wird es weiterhin auf Rennstrecken geben, mit speziellen Fahrzeugen. Das Portfolio wird sich ausbreiten. Wir werden echte Rennwagen haben, also Sport- und Spaßfahrzeuge, ohne große Elektronik und auf der anderen Seite die Vollautomatik.

Denken Sie mal an Motorräder. Motorräder haben in Europa und den USA praktisch ihre Aufgabe als Transportmittel verloren. Das ist vorbei. Sie sind zu Spaßmaschinen geworden.

Den Autos wird es ähnlich ergehen, weil man damit Spaß hat, wird auf Rennstrecken gefahren. Denken Sie an die Renaissance von Vinyl und Plattenspieler. Früher war ein guter Plattenspieler vollautomatisch direkt angetrieben. Heute ist alles manuell.

Auf die Mobilität übertragen bedeutet dies, unser normales Leben wird automatisiert. Der Mobilitätsakt, wenn er automatisiert ist, wird sich gleichzeitig in die Bereiche Hobby, Kunst, und Sport bewegen um dort weiter perfektioniert zu werden. Wie das Grillen auf offenem Holzfeuer. Das muss man nicht mehr machen, aber es gibt die exotischsten, tollsten Sachen. Und so wird sich alles zunehmend aus dem Alltag heraus bewegen. Ganz einfach, weil es zu stressig ist.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Fotos: re:publica/Gregor Fischer CC BY-SA 2.0 & re:publica/Gregor Fischer CC BY-SA 2.0

 

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