Wie Frank Schirrmacher mir das Twittern beibrachte.

Frank Schirrmacher ist gestern im Alter von 54 Jahren völlig unerwartet verstorben. Die ersten Reaktionen darauf sind Wut und Protest. Wut gegen diesen Verlust. Und Protest gegen das bedrückende Gefühl, dass die Lücke, die Schirrmacher hinterlässt, auf absehbare Zeit nicht zu schließen sein wird. Diese Ahnung, dass er als eines der letzten Universalgenies der deutschen Publizistik vorzeitig die Bühne verlassen hat. Dass nun keiner mehr da ist, der für uns in die Zukunft schaut. Zu groß war seine Wirkungsmacht, zu mitreißend seine Leidenschaft für den Diskurs, zu fein sein Gespür für aufziehende, gesellschaftliche Großwetterlagen.

Die Anzahl und Wucht der Nachrufe auf Schirrmacher in diesen Tagen ist ohne Beispiel und die Schockwellen sind noch längst nicht abgeklungen. Ja, Menschen sterben. Aber wenn der Verlust eines Menschen solche Bestürzung hervorruft, dann steht das für eine Zäsur. Überall schreiben sich persönliche Weggefährten den Schmerz von der Seele, so dass ich mir in diesem Augenblick mit meinen eigenen Gedanken fast ungeheuer vermessen vorkomme. Ich kannte Schirrmacher schließlich nicht persönlich und doch verbindet mich etwas mit ihm. Oder besser, durch ihn beeinflusst habe ich eine Verbindung hergestellt. Es geht um das Netz, auch um Twitter und wie wir uns darin bewegen.

Oktober 2011. Frank Schirrmacher ist erstmals Gast bei Alternativlos, einem Podcast von Frank Rieger und Felix (fefe) von Leitner. In dem Gespräch über den politischen Diskurs in Deutschland blitzt alles auf, was Schirrmacher als Journalist so einzigartig macht: fundierte historische Ausflüge, grandiose persönliche Anekdoten, der mitreißende Eifer an der Apokalypse. Seine Lust am Herumspinnen und der Hang zum Drama ist berühmt und berüchtigt, wie gemacht für alternativlos. Das Gespräch breitet ein Panorama aus, das von Brandt und Wehner der Siebziger bis in die Gegenwart reicht. Für mich ist es eine kleine Initialzündung. Dabei kenne ich Schirrmacher zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon länger. Feuilleton-Debatten verfolge ich schon seit meinem Studium und spätestens seit „Das Methusalem-Komplott“ (2004) ist mir Schirrmacher als einer der wichtigsten Journalisten vertraut. Zwischenzeitlich verschwindet er zwar etwas von meinem Radar aber seit 010/11 entdecke ich ihn neu. Plötzlich führte er „Netzdebatten“ mit taucht in Podcasts auf (Alternativlos 20 und 29).

Zum Zeitpunkt des Alternativlos-Podcasts bin ich gerade dabei Facebook zu verlassen und spiele mit dem Gedanken hinüber zu Twitter zu wechseln. Twitter ist zu diesem Zeitpunkt in Deutschland noch nicht völlig im digitalen Mainstream angekommen. Neue Twitter-Acounts von Vertretern der Politik sorgen jedoch für Aufsehen. Die letzten Minuten des Podcasts drehen sich fast ausschließlich um Twitter (aber auch die Piratenpartei) und wie sich der politische Diskurs dadurch verändert. Was sind die Gründe für den Erfolg bestimmter Twitter-Acounts („Interessant. Es muss interessant sein.“ – „Meinen Sie wirklich? Ist ‚Interessant‘ die Kategorie?“) und wie könnte Peter Altmaier als twitternder Bundesumweltminister Raum machen für neue ‚digitale runde Tische‘? („der muss jetzt nachlegen, sonst ist der in zwei Tagen wieder weg.“) Das Hören und Nachverfolgen der abenteuerlichen Assoziationen ist ansteckend und festigt nur meinen Entschluss. Noch am Abend der Veröffentlichung gratuliere ich den Machern zu dem gelungenen Gespräch – in meinem ersten Tweet.

Es ist also nicht ganz abwegig zu behaupten, dass Frank Schirrmacher – mit freundlicher Hilfe von Alternativlos – mich zu Twitter brachte und damit mein Interesse für den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs noch weiter anfachte. Schirrmacher selbst folgte übrigens drei Monate später und mischte bis zuletzt kräftig mit.

Auf mich hat Schirrmachers Art die Welt zu beschreiben immer eine große Wirkung gehabt. Hier war jemand, der Entwicklungen lange vor allen anderen erkannte und in verständliche Bilder brachte. Gleichzeitig räumte er vielen wichtigen Themen der digitalen Gesellschaft in der FAZ und FAS großzügig Platz ein: Vorratsdatenspeicherung, Staatstrojaner, Massenüberachung, Big Data, Informationsfetischismus und die Folgen des Echtzeit-Journalismus. Er brachte neue Autoren und neue Namen in die Debatte ein und sorgte so verlässlich für junges Blut in einem ansonsten eher altersstarken Umfeld.

Im Frühling 2013 ist Schirrmacher als Speaker beim tazlab im Haus der Kulturen der Welt in Berlin eingeladen. In einem viel zu kleinen Saal diskutiert er mit taz-Kollegen Thesen und Gedanken seines neuen Buches „Ego“. Die Menschen drängen sich in den Gängen, vor dem Saal und an den wenigen Monitoren, die im HKW einen Livestream übertragen. Auch ich komme nicht mehr in den Saal hinein und ärgere mich.

Ebenfalls unvergessen ist mir ein Auftritt in der Talkshow „Beckmann“ vom Juli 2013. Im Zuge der gerade erst veröffentlichten NSA-Dokumente durch Glenn Greenwald sollen die Folgen der digitalen Massenüberwachung diskutiert werden. Wie kein anderer insistiert Schirrmacher zu fortgeschrittener Stunde auf neue Denkweisen und Strategien im Lichte der Snowden-Leaks. Doch die NSA-Massenüberwachung ist nur eine Folie für ihn. Längst hat sich die Technologie und die buchstäbliche Berechenbarkeit unseres Lebens verselbstständigt. An diesem Abend bringt Schirrmacher zusammen, was normalerweise im deutschen Talkshow-Karussel nicht zusammengehört: radikales Denken, atemloses Heraufbeschwören der Apokalypse („Ich sehe… Hälfte der Menschheit… eine disparate… soweit sind wir… Spiel hat sich geändert… ist keine These“), das aufkommende Zeitalter der Algorithmen und Maschinen. Zusammengehalten wird alles von einer aufrichtigen Sorge um das Gesellschaftswohl. Und das im Dienste der abendlichen Fernsehunterhaltung.

Immer aufklärerisch. Immer inspirierend, so habe ich Schirrmacher als Leser und Zuschauer wahrgenommen. Er war so agil im Denken, dass ich darüber nur bewundernd staunen konnte. Seine Voraussicht der Dinge vermisse ich schon jetzt. Er wird mir fehlen, Twitter, dem gesamten Netz, dem Medienbetrieb, seiner Familie und allen Angehörigen.

One thought on “Wie Frank Schirrmacher mir das Twittern beibrachte.

  1. Schirrmacher hat sich an Goethe gehalten und vielen etwas (bei-) gebracht. Mal seh’n, was er dem Sensenmann noch beibringt – ganz ohne Diskussion ist er dem bstimmt auch nicht gefolgt!

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