Wie wir fernsehen wollen

Alles was ich über das Musikfernsehen weiß, habe ich von Charlotte Roche gelernt. Halt. Unsinn. Ich habe schon vorher MTV gesehen und noch davor erstmals aktuelle Musikvideos auf irgendeinem Sky Channel. Aber egal, der Satz macht einen schönen Einstieg und Fast Forward auf Viva 2 hat Ende der Neunziger das Beste aus dem Medium Musikfernsehen herausgeholt. Heutzutage bin ich schon froh, wenn ich überhaupt irgendwo ein Musikvideo zu sehen bekomme. In Zeiten von GEMA vs. YouTube gar nicht so unaufwendig.

Aber zurück zu Charlotte. Eigentlich hatte ich immer gehofft, dass sie in ihrer Post-Viva-Phase die Heike Makatsch-Variante wählt und eine Karriere als Schauspielerin anstrebt. Ein paar erste Rollen hat sie schließlich auch gespielt. Ich glaube, das hätte gut funktionieren können. Doch sie wollte lieber weiter im Fernsehen sie selbst sein und sei es beim Flaschendrehen mit Roger Willemsen und Ferris MC. Unerschrocken bis exhibionistisch vor der Kamera, immer neugierig und auffällig in der Art Interviews zu geben/führen, generell ihre Partner und sich selbst nicht gerade schonend. Und dann schreiben. Bücher, die viele irritieren, die ich gerne verfilmt oder auf einer Bühne sehen würde.

Als Roche 2009 an der Seite von Giovanni di Lorenzo die Moderation von 3 nach 9 bei Radio Bremen übernahm, hätte dies der Anfang einer wundervollen neuen Ära für diese alte Traditionssendung werden können. Aber dann war nach nur drei Monaten Schluss. Angeblich Streit und Meinungsverschiedenheiten in der Redaktion. Hingeschmissen. Schade, aber zu respektieren.

Gut zwei Jahre später die mediale Wiederauferstehung in der Nische. Und wie! Roche & Böhmermann, eine Talkshow wie zu Zeiten unserer Eltern, wo Moderatorin und Moderator sich im Nahkampf austoben und eben nicht die Gäste per se Könige sind, sondern nur Teilnehmer unter vielen. Sternstunden der Bedeutungslosigkeit, die für kurze Augenblicke das Format aus den Angeln heben, wenn z.B, ein sonst so glatt-dümmlicher Markus Lanz tatsächlich einmal natürlich und – Oh, Mein Gott – sympathisch rüberkommt oder ein Farin Urlaub („Ist das noch Punkrock?“) wenige Minuten vor Aufzeichnung der Sendung das Studio verlässt, weil dort Tabak und Alkohol im Spiel sind. Plötzlich ist Fernsehen wieder aufregend, der Relevanznachweis erbracht, eine echte Option für den späten Sonntagabend. Dieser winzige Funken Hoffnung, dass vielleicht doch nicht alle Verantwortlichen beim ZDF ihr Publikum hassen, das war der eigentliche Gewinn von Roche & Böhmermann. Jetzt ist wieder Schluss. Wieder zu früh. Wieder soll ein Streit hinter den Kulissen der Grund für das Aus sein.

Stoff für neue Legenden. Gibt es ein Fernsehleben vor dem Tod? Aber sicher. Charlotte Roche war dabei.

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