‚Young Money‘ vs. ‚Master of the Universe‘

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Noch für einige Tage ist die Dokumentation „Master of the Universe“ in der arte-mediathek zu sehen. Der Film ist in vielerlei Hinsicht ein Kuriosum. Ein ehemaliger Investment-Banker berichtet über das Innenleben der Finanzbranche, über diese sonderbare Filterbubble, die im Laufe der Arbeit entsteht und was es eigentlich bedeutet, so völlig abgeschirmt gigantische Finanzwerte zu handeln.

Kurios ist der Film, weil es außer dem Ex-Banker nur noch den Regisseur gibt, der die Fragen stellt. Andere Figuren kommen nicht zu Wort, Widerspruch und Einordnung gibt es nicht, es bleibt dem Zuschauer überlassen, was er mit dem Gehörten anfängt. Gefilmt wurde fast ausschließlich in ehemaligen Büroflächen und verwaisten Etagen irgendwo in der Finanzmetropole Frankfurt am Main. Die Interviews in leeren Konferenzräumen und Trading-Floors als eine Art Tatortbesichtigung zu inszenieren, ist natürlich ein schöner Regieeinfall und sehr effektiv.

Wer mehr über die Anatomie der Finanzbranche wissen will und wie wohl die künftigen „Master of the Universe“ ticken werden, dem sei an dieser Stelle unbedingt das Buch „Young Money“ von Kevin Roose empfohlen. Roose schreibt regelmäßig für das New York Magazine und schafft mit „Young Money“ etwas ganz außergewöhnliches, „Inside the hidden world of Wall Street’s post-cash recruits“.

Banking is the best thing you never want to do again!

Jedes Jahr strömen Tausende gut ausgebildeter College-Absolventen in den Finanzsektor. Dort lernen sie die Geheimnisse ihrer Branche und haben die Chance ein Vermögen zu verdienen. Die Welt, in der sie sich bewegen, ist für Außenstehende in vielen Bereichen abgeschottet und nur selten dringen kritische Berichte nach außen.

Über einen Zeitraum von drei Jahren (2010-2013) interviewte Kevin Roose acht junge Berufseinsteigerinnen und Einsteiger in New York. Alle berichten über ihren Kampf im Job, die Herausforderungen und Verlockungen der Branche und sparen dabei nicht mit vertraulichen Informationen. Der Autor will natürlich wissen was die Jungbanker antreibt und was es mit dieser Branche auf sich hat. Er besucht Campus-Rekrutierungsveranstaltungen der Top-Banken, Assesmentcenter für angehende Wall Street Analysten, exklusive Jubiläums-Dinner und vieles mehr. Am Ende entsteht ein sehr griffiges Portrait über die Jobrealität in den ersten zwei bis drei Jahren an der Wall Street. Anekdotenreich beschreibt Roose wie junge Akademiker, wenn sie sehr gut Excel sprechen, in kürzester Zeit zu eher unglücklichen und gestressten Menschen Menschen werden.

„Wall Street, more than most industries, makes it workers feel expendable; many entry-level bankers conceive of themselves as lumps of body mass who perfom uncreative and menial work, and whose time can be exchanged for labor at any moment.“

Es geht um Moral, Prestige, Ängste, Privilegien den Wert von Arbeit in einer Industrie, die gerade eine ihrer schwersten Krisen durchlebt hat. Wieso tun sich junge Menschen das an? Was ist der persönliche Antrieb und wie verändert Wall Street die Menschen, die dort arbeiten? Letztlich kann auch Roose diese Fragen nicht endgültig beantworten, aber der Versuch ist spannend.

Wall Street is no longer the beacon of high pay and innovation it once was

Die Finanzkrise hat die Wall Street stark verändert, erfährt man. 28.000 Menschen verloren ihre Jobs und bis 2013 waren gerade mal 28% dieser Stellen neu besetzt. Die Zahl der Ivy League-Studierenden, die direkt mit Abschluss in die Finanzbranche wechseln hat sich in den letzten Jahren verringert (in Harvard von 28% in 2007 und auf 17% in 2011. / In Princeton von 46% in 2007 auf 35% in 2010). Viele Menschen, die vor fünf oder zehn Jahren, ganz selbstverständlich ihr Glück in einem Bankinstitut gesucht hätten, entscheiden sich heute für eine Karriere in Silicon Valley. Junior-Banker steigen nach den ersten zwei Jahren aus, um als Entrepreneure mit eigenen Startups Erfolg zu haben. Das alles hat deswegen noch lange nicht den Effekt, dass Banken wie Goldman Sachs oder J.P. Morgan ernsthaft Probleme hätten jedes Jahr neuen Nachwuchs einzustellen. Aber das Image hat schon etwas Risse bekommen. Gordon Gekko ist schon lange tot und auch seine Enkel, vor allem ganz zu Beginn ihrer Karriere,  müssen sich für extreme Arbeitszeiten, Entmündigung, harte Gruppendynamiken, ständigen Wettbewerb und den Wegfall des social life entscheiden.

Ein kleines Highlights im Buch ist das Einweihungs-Dinner von Kappa Beta Phi, eine der exklusivsten Gesellschaften innerhalb des Wall Street Kosmos. Ohne Einladung und im Mietsmoking, so mischte sich Roose unter die globalen Finanzelite, zwischen millardenschweren CEOs und angehende Neu-Kappas. Im Kern geht es bei diesem jährlichen Event darum, dass die Gesellschaft, allen voran der Kappa-Nachwuchs, unter lautem Gejohle eine Reihe von Sketchen und Musical-Acts aufführt, sehr zur Belustigung der Gäste.

Solche Undercover-Anekdoten wie das Kappa-Dinner, aber auch alle anderen Kapitel über die Eigenheiten der Branche wie Bonus-Saison, College-Rekrutierung oder die bizarre Welt der Finanzprodukte, beschreibt Kevin Roose angenehm dicht, atmosphärisch und voller Dialoge. Die acht Momentaufnahmen, die insgesamt sehr unterschiedlich ausfallen (so unrepräsentativ die Auswahl der Figuren auch sein mag) zusammen mit den Erlebnissen und Reflektionen über das Wesen der Finanzwelt, gehören zu den wirkungsvollsten Teilen im Buch. Man erlebt Berufsanfänger in einem extremen Umfeld. Situationen, die auf angehende, unmoralische Bankster schließen lassen, hat Roose anscheinend nicht erlebt. Die neue Wall Street Generation befindet sich mehr so in einem unklaren Dauerzustand der Erschöpfung. Anschaulicher als über Langzeitbeobachtungen kann man das eigentlich nicht erzählen, als eine persönliche Auseinandersetzung mit den Mechanismen und den Arbeitsbedingungen in Wall Street.

Kevin Roose: Young Money – Inside the hidden world of Wall Street’s post-crash recruits. [Grand Central Publishing, 2014]

Foto: Mathew Knott CC-BY-NC-SA

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